FreiSein mit Satire und Humor
(Eine Story mit Happy End ist ein Auszug aus dem Roman „Die Philanthropen oder die Austreibung des CO2 aus dem Mineralwasser“.)
„Okay. Das ist eine Geschichte für die Schneeflockengeneration, also mit glücklichem Ende“, begann der Senior-Münz seine Erzählung, mit der er den Junior wieder beruhigen wollte. „Sie handelt vom Ausbruch, der Eskalation und Überwindung der Linkshänder-Pandemie – sie wird dir gefallen, denn sie ist positiv irritierend und bedrückend erheiternd.“
Die Ereignisse, die in dieser Sciencefiction-Geschichte geschildert werden, spielen in einer fernen Galaxie, Millionen Lichtjahre von unserer wunderschönen Erde entfernt, auf dem Planeten Indebitamento. Der Planet war fest in der Hand der Virtualisten.
Die Ideologie der Virtualisten war auf drei Grundsätzen aufgebaut:
Artikel 1. Nur ein Mensch, der sich von der Vorstellung befreit, er müsse arbeiten, um Geld zu verdienen, kann ein tüchtiger Virtualist sein.
Artikel 2. Nur ein Geschäft ohne reale Grundlage, ohne real existierende Produkte oder Dienstleistungen ist ein Business, das den ideologischen Maximen des Virtualismus entspricht.
Artikel 3. Virtualismus ist ein Glasperlenspiel für Eingeweihte. Nur jene Indebitamentorinnen und Indebitamentoren, die über die elitäre Gnade der moralischen Relativität verfügen, können virtuelle Glasperlenspieler sein.
Geld aus dem Nichts
Das Geschäftsmodell der Virtualisten war einfach, aber effizient und effektiv: Sie verfügten über das Monopol der Geldschöpfung, indem sie Geld aus dem Nichts erschaffen konnten. Sie nannten es Fiat Money („Es werde Geld!“), und es entstand durch Kreditverträge oder Staatsanleihen. Die Virtualisten verliehen virtuelles Geld als Giralgeld an Governatoren, die offiziellen Machthaber jener ehemals offiziellen Provinzen, die in der Indebtunion zusammengefasst waren.
Die Indebtunion
Die Indebtunion war ein administrativer Bund, der durch Kommissare regiert wurde. Die Union bildete einen Binnenmarkt mit einheitlicher Währung, aber mit unterschiedlichen Steuersätzen, Lebensgewohnheiten und Traditionen, in denen die Untertanen von den wesentlichsten Entscheidungen ausgeschlossen waren. Das „Parlament“ der Indebtunion konnte nicht einmal einen Gesetzesantrag stellen. Der Indebto, die einheitliche Währung der Indebtunion, die ursprünglich als Wachstumsmotor gedacht war, hatte sich bald als Koloss auf tönernen Füßen entpuppt und wurde stattdessen mehr und mehr als Erpressungsmittel gegen die Bewohner der Provinzstaaten eingesetzt. „Der Indebto muss gerettet werden!“
Governatoren und Advertorial-Medien
Die Governatoren der Provinzregierungen, die in der Indebtunion zusammengeschlossen waren, gehörten zur Kaste der professionellen Politdarsteller, welche wiederum von den Lobbyisten der Virtual-Konzerne und den Berichten der Advertorial-Medien abhängig war.
Die Advertorial-Medien wiederum lebten wirtschaftlich von den gesponserten Berichten der Virtualisten, Advertorials genannt. Diese Advertorials waren eine Mischung aus Advertising und Editorials, also Werbe- und PR-Artikel, die wie redaktionelle Berichte aussahen. Die Untertanen wussten nicht, dass die relevanten Berichte und Reportagen der Advertorialisten von den Finanz- und Konzernvirtualisten über Nachrichtenagenturen verfasst, verbreitet und gesponsert wurden.
Die obersten Politdarsteller verfügten über die Zwangsabgaben ihrer Untertanen. Zusätzlich hatten sie die Möglichkeit, sich von den Virtualisten Geld zu borgen. Beides konnten sie in Form von Wahlgeschenken an ihre Ziel-Gruppen verteilen. Denn sie mussten sich in regelmäßigen Intervallen von den Untertanen erneut als Politdarsteller wählen lassen. Die aktuellen Meinungstrends über die geopolitische Lage und die Sprachregelungen für die Untertanen, genannt political correctness, wurden über den Rat für auswärtige Beziehungen (RAFAB) gesteuert, dazu gehörten Nachrichtenagenturen, professionelle Advertorial-Agenturen, die Berichte im Auftrag der Virtualkonzerne verfassten, sowie private und öffentliche Advertorial-Medien in der Hand privater Virtualisten.
Die Macht der Virtualisten und der von ihnen wirtschaftlich abhängigen Advertorial-Medien in der Indebtunion stieg ständig, während die Untertanen des Mittelstands durch Geldentwertung, prekäre Dienstverhältnisse, steigende Mieten und steigende Kosten für die Lebenshaltung mehr und mehr unter wirtschaftlichen Druck gerieten. Die Klein- und Mittelbetriebe und privaten Haushalte ächzten unter immer größerer Steuerlast, während große, virtuelle Finanzlobbies und multinationale Unternehmen der Virtualisten ihr Vermögen steuerfrei in Steueroasen junckerten.
Deficit Spesa
Die Angewohnheit der herrschenden Politdarsteller, mehr Geld auszugeben, als sie durch die Steuern der Untertanen eingenommen hatten, nannte man Deficit Spesa. Seit der berühmte Ökonom Maynesianus eine wissenschaftliche Theorie dafür entwickelt hatte, verbreitete sich die Methode rasch auf dem Planeten. Alle Regierungen, Banken und Zentralbanken betrieben eifrig Deficit Spesa. Auf diese Weise wuchs der Schuldenberg der Staaten und deren Untertanen von Tag zu Tag, die Schulden pro Kopf waren weit höher als das durchschnittliche Jahreseinkommen.
Die Investitionen der Unternehmen sanken, und das reale Bruttonationalprodukt stagnierte, obwohl man bald auch Zigarettenschmuggel, Prostitution und später auch Korruptionsgewinne ins Bruttoinlandsprodukt einrechnete. Das Ansteigen der Teuerungsraten konnte selbst durch geschicktes Anpassen der Warenkörbe zur Berechnung der Geldentwertung immer weniger verschleiert werden, die Untertanen ächzten unter der realen Inflation, die von den Advertorial-Medien als „gefühlte Inflation“ geframed wurde. Die Verschuldung der Haushalte wuchs kontinuierlich, und immer weniger Untertanen wollten sparen, nicht einmal die Konsumfuturisten des Mittelstands, welche die Finanzinstitute mit ihren sogenannten Sparbüchern jahrzehntelang brav durch negative Realverzinsung gesponsert hatten.
Die Virtualindustrie löste sich immer mehr von der Realwirtschaft, und das Wetten auf derivative Finanzprodukte wurde immer skurriler, bald investierten die großen Virtualinstitute fast ausschließlich in virtuelle Geschäfte, indem sie auf Staatsanleihen, Credit Default Swaps, Optionen, Puts und Calls oder auf Blasenpumpen im Aktien- und Immobilienbereich wetteten.
Hingegen mussten kleine und mittlere Geschäftsbanken, die Kredite an Private und Unternehmen für reale Wirtschaftsleistungen, Produkte, Dienstleistungen und Innovationen vergeben wollten, gegenüber den Hedgefonds, die mit virtuellen Derivaten handelten, gravierende Nachteile in Kauf nehmen. Denn für einen Kredit in die Realwirtschaft bürgten nicht alle Bürger als Bürgen, sondern nur die Kreditnehmer. Im Gegensatz zum Factoring zukünftiger Zwangsabgaben der Untertanen, das es den Virtualisten ermöglichte, Zinsen für ein Risiko, das es nicht gab, an den Staat zu verrechnen. Denn die Untertanen waren immer in der Haftung. Gleichzeitig mit der Liberalisierung der Regelungen für spekulative Hedgefonds wurden die Vorschriften für Geschäftsbanken und Kredite für die Realwirtschaft immer mehr verschärft. Nach den Bestimmungen von Basilea III, welche die Virtualisten durchgesetzt hatten, war für Kredite in der Realwirtschaft ein hoher Anteil an Eigenkapital erforderlich, was in der Folge zu einer Kreditklemme führte. Mit den Bestimmungen von Basilea III wurde die Realwirtschaft verbaselt. Bald war das Volumen der virtuellen globalen Finanztransaktionen mehr als hundert Mal höher als das Bruttonationalprodukt des gesamten Planeten.
Die Subprimatenkrise
Das Ende nahm seinen Anfang, als Virtual Inc., einer der größten virtuellen Hedgefonds des Planeten, durch die Subprimatenkrise zusammenbrach und mit Milliarden von Steuergeldern „gerettet“ werden musste. Als anschließend auch die Immobilienblase platzte, beschloss die Zentralbank der Indebtunion, die Zinsen für die Finanzindustrie auf null zu reduzieren. Die Nullzinspolitik trieb wiederum den Prozess der Finanzindustrialisierung weiter voran, weil realwirtschaftliche Dienstleistungen der Geschäftsbanken, etwa Kontoführung und Kreditvergabe, nichts mehr einbrachten. Durch die Gratisgeldpolitik drehte sich das Spekulations-Karussell noch schneller als je zuvor. Namhafte Unternehmer der Realwirtschaft forderten ein Spekulationsverbot und eine Umsatzsteuerpflicht für Finanzderivate, insbesondere für „Leerverkäufe“, blieben aber letztendlich gegen die Lobbyisten und Advertorialisten der Virtualfinanzkonzerne chancenlos. Für jedes Produkt und jede Dienstleistung in der Realwirtschaft, auf jede Wurstsemmel wurde eine Umsatzsteuer eingehoben, aber es gelang nicht, eine Steuer auf Leerverkäufe einzuführen. Der Widerstand der Virtualisten, Politdarsteller und Advertorial-Medien war zu groß.
Die Mikrobe
Die nächste Katastrophe begann aber erst etliche Jahre nach der Subprimatenkrise, als man feststellte, dass tausende Meilen entfernt, in der Millionenstadt Bat-City, eine neue, mutierte Art einer Mikrobe aufgetreten war, welche in einigen Fällen zu schwerer Erkrankung führte. Für die Mehrheit der Bewohner des Planeten war jedoch die Mikrobe keine Gefahr, sie erkrankten nicht einmal. Aber die neue Mikrobe bahnte sich medial, verstärkt durch schreckliche Bilder in den Advertorial-Medien, ihren brachialen Weg durch die Indebtunion und löste auch bei den nicht-erkrankten Bewohnern des Planeten eine beobachtbare Einschränkung ihrer kognitiven Fähigkeiten aus. Die Bewohner des Planeten saßen stundenlang vor ihren Starephones und Virtual-Connectorgeräten und sahen Nach-Richten und Unterhaltungsprogramme der Advertorial-Medien oder spielten virtuelle Spiele mit ihren Starephones und virtuellen Connectorgeräten, die sie permanent eingeschaltet hatten. Bald würde jeder jemanden kennen, der an oder mit dieser Krankheit verstorben wäre, wurde verlautbart.
Der Ausbruch der Linkshänder-Krankheit
Die Situation verschlechterte sich, als in allen Advertorial-Medien verkündet wurde, Wissenschaftler hätten festgestellt, dass die Krankheit nicht nur sehr gefährlich, sondern auch hoch ansteckend sei. Untersuchungen ergaben, dass die gefährliche Mikrobe sich hauptsächlich auf die linke Körperhälfte und die linke Seite des Gehirns konzentrierte, wo sich die Logik und der realitätsbezogene, analytische Verstand befinden. Ein äußeres Zeichen der Erkrankung war, dass die Erkrankten begannen, für alle Tätigkeiten nur mehr ihre linke Hand zu verwenden, weshalb man das Leiden auch fälschlicherweise die „Linkshänder-Krankheit“ nannte. Man konnte diese Linkskranken von den nativen Linkshändern, also von jenen etwa 10 – 15 Prozent der Bevölkerung, die von Geburt an Linkshänder waren, äußerlich nur schwer unterscheiden. Der Unterschied bestand darin, dass die nativen Linkshänderinnen und Linkshänder, die also von Geburt an Linkshänder waren, die meisten Tätigkeiten mit der linken Hand ausführten, aber selbstbestimmt entscheiden konnten, nach Belieben auch die rechte Hand zu benutzen.
Die an der Linkshänder-Erkrankung Erkrankten hingegen waren native Rechtshänder, aber mit fortschreitendem Stadium der Erkrankung begannen sie, ihre Motorik und den Bewegungsablauf jenen von „nativen Linkshändern“ anzupassen, indem sie ungeübt anfingen, mit der linken Hand zu schreiben und etwas clumsy mit der linken Hand die Tasten der Starephones und Connectorgeräte zu drücken. Durch die virusbedingte Veränderung der linken Gehirnhälfte, jener Hemisphäre des Hirns, welche nach der vorherrschenden wissenschaftlichen Theorie überwiegend für den kognitiven Bereich, für das wache Bewusstsein zuständig ist und rationale, sprachliche, analytische und logische Prozesse verarbeitet, verwendeten die Erkrankten immer häufiger die von der Mikrobe verschonte rechte Gehirnhälfte, die weiterhin voll funktionsfähig war und die intuitiv und emotional agierte. Nach den Forschungen einzelner Wissenschaftler konnten Bewohner des Planeten, die von dieser Krankheit befallen waren, nicht mehr zwischen Richtig oder Falsch unterscheiden, aber sie hatten einen untrüglichen und unverrückbaren Sinn für das, was Gut oder Böse war. Sie erklärten, dass sie Polaritäten einfacher wahrnehmen konnten, indem sie „das Gute und das Böse“ klarer und eindeutiger fühlen und identifizieren konnten als die gewöhnlichen, nativen Linkshänder und die nativen Rechtshänder.
Nach Meinung der Virologen, Experten, Mathematiker und Komplexitätsforscher, die regelmäßig in den Advertorial-Sendungen auftraten, erfolgte die Übertragung der Krankheit durch das Händeschütteln oder durch Umarmungen bei Begrüßungen, was nach dem Bekanntwerden einer Gruppendiskussion eines Instituts für Komplexitätsforschung beides sofort verboten wurde.
Medial bekannte Wissenschaftler glaubten die an der Linkshänder-Krankheit Erkrankten daran zu erkennen, dass die mit dem Linkshänder-Virus Infizierten zur Begrüßung immer und ausnahmslos die linke Hand ausstreckten. Also beschlossen die Governatoren, die Zahl der Linkshänder zu ermitteln und alle Linkshänder zu „isolieren“, damit die Krankheit, die mittlerweile von der Planet Indebitamento Health Organisation zu einer Pandemie ausgerufen worden war, sich nicht weiter ausbreiten konnte. Die Gefährlichkeit der Linkshänder-Krankheit bestand auch darin, dass man die Mikrobe in einem frühen Stadium der Ansteckung nicht bemerkte, weil man sich völlig gesund fühlte. Als einige Wissenschaftler diese mikrobische Hinterlist entdeckten, wurde nach einer Testmethode zur empirischen Erfassung dieser „asymptomatischen Linkshänder-Kranken“ gesucht. Es war verboten, sich die Hand zu geben, man stieß sich stattdessen mit den Schuhen. Die Bewohner fanden das bald cool und lustig, da dieses Verhalten auch auf den Kanälen der Advertorial-Medien und auf Starephones gezeigt wurde und es viele Likes dafür gab.
Der BWF-Test und der Linkshandschuh
Ein Linkshand-Forscher hatte die Idee, einen Test zu verwenden, den er BWF-Test nannte: BWF war die Abkürzung für Ball-Wurf-Fang-Test. Bei diesem Test wurde der jeweiligen Testperson ein kleiner Ball zugeworfen, der mit einer Hand gefangen werden musste. Fing die Testperson den Ball mit der linken Hand, wurde sie als linkshändige Person registriert und galt als potenzielles Sicherheitsrisiko. Der Ball-Wurf-Fang-Test wurde oft mit bis zu 45 Ballwurf-Zyklen durchgeführt, manchmal jedoch auch nur mit bis zu 30 Ballwurf-Zyklen, denn die Anzahl der Wurfzyklen war nicht standardisiert, und die testenden Labors mussten diese Daten auch nicht an die Behörden weitergeben.
Aber wie konnte man die nativen Linkshänder von den mikrobigen Linkshändern unterscheiden? Für die nativen Linkshänder bestand die selbstbestimmte Möglichkeit, sich zu entscheiden, den Ball auch mit der rechten Hand zu fangen, während die Erkrankten zwangsbestimmt durch die von der Mikrobe ausgelöste De-Aktivierung der linken Gehirnhälfte zwanghaft immer mit der linken Hand fangen mussten. Dadurch war die Möglichkeit von falsch positiven Testergebnissen nach Meinung einzelner Wissenschaftler „sehr gering“.
Bald wurden auf Indebitamento landauf und landab die Bewohner mit dem BWF-Test getestet. Der Wettbewerb über die meisten positiven Tests, genannt „Fallzahlen“, wurde in den Advertorial-Medien ununterbrochen befeuert, die Governatoren förderten aktive Berichterstattungen der Medien über den BWF-Test mit Sonderzahlungen aus den steuergespeisten Töpfen der Presse- und Medienförderung. Die mediale Begeisterung über den Test, gepaart mit einer kontinuierlichen Welle der Angst, bewirkte, dass die Fallzahlen für mikrobisch-infizierte Linkshänder kontinuierlich und unaufhörlich anstiegen. Das ganze Land war erstaunt, wie viele Linkshänder es im Lande gab. Es wurden immer mehr. Die Advertorial-Medien berichteten immer höhere Fallzahlen an Linkskranken ohne Bezugsgrößen. Die Medien zeigten viele Tests, man konnte sehen, wie den Probanden die Tennisbälle zugeworfen wurden und wie die „Infizierten“ sie mit der gefürchteten linken Hand auffingen.
Angst und Panik wurden täglich größer, das Misstrauen gegenüber den ansteckenden Linkshänder-Kranken wuchs. Die Spaltung der Gesellschaft nahm ein gefährliches Ausmaß an. Die Gesundheitsämter, Ministerien und Governatoren hatten solchen Respekt vor der virtualistischen Krankheit, dass sie sogar die Definition der Erkrankten veränderten: Nicht nur Untertanen, die AN der Krankheit verstorben waren, sondern auch MIT-Verstorbene, also jene, die beim Linkshändertest durchgefallen und an anderen Krankheiten verstorben waren, wurden in der Statistik als Mikrobentote geführt.
Die Mikrobe mutierte unaufhaltsam, sie wurde so ansteckend und gefährlich, dass man einen speziellen orthopädischen Handschuh entwickelte, den alle Untertanen von Indebitamento in der Öffentlichkeit anzuziehen hatten und nur zum BWF-Test abnehmen durften. Der Handschuh verhinderte, dass asymptomatisch Erkrankte – und dazu zählten alle, die von sich behaupten, gesund zu sein – durch einen Handshake versehentlich die Mikrobe übertragen konnten.
Aber dann kamen plötzlich Zweifel an der Validität des BWF-Tests auf, als eine Gruppe von Wissenschaftlern behauptete, sie hätten beobachtet, dass die Linkskranken nach einer bestimmten Anzahl von Wiederholungen, beginnend mit etwa 30 Ballwurf-Zyklen, anfingen, den Ball nicht mehr zwanghaft mit der linken Hand, sondern zwischendurch auch mal mit der rechten Hand zu fangen. Was hatte das zu bedeuten? Bald bildeten sich Verschwörungstheorien. Ein Klima des Misstrauens verbreitete sich auf Indebitamento. Advertorial-Medien begannen, jeden, dessen eigene Meinung von der offiziellen Wahrheit abwich, gnadenlos zu diffamieren. Die Verschwörungstheoretiker, die im Gegensatz zu den Vertrauenspraktikern den Versprechen der Governatoren nicht vorbehaltlos glaubten, wurden vom sozialen Leben ausgeschlossen, sie durften keinen Beruf mehr ausüben und blieben zeit ihres Lebens isoliert.
Links und rechts und oben und unten
Da erschien ein Bio-Bauer aus dem kleinen Dörfchen Conspira in der Provinz Kakanien mit einem Apfelkorb in der Hauptstadt und stellte ihn auf der untersten Stufe der Treppe des Regierungsgebäudes ab – auf der linken Seite, um die Bewohner des Planeten, die die Treppe hinauf- und hinunterstiegen, nicht zu behindern.
Jedem Bewohner des Planeten, der die Treppe hochstieg, schenkte er einen Apfel aus dem Korb und fragte dabei, ob der Korb auf der Treppe links oder rechts stehe. Der Beschenkte antwortete mit Blick auf den Korb: „Der Korb steht links“. Die beschenkte Person stieg dann weiter die Treppe hinauf, um die Aula des Regierungsgebäudes zu betreten, und der Bauer fragte, ob er sie ein Stück begleiten dürfe, denn er wolle sie, oben angelangt, noch etwas fragen. Also stiegen beide die Treppe hinauf. Oben fragte der Bio-Bauer den Beschenkten: „Und jetzt, von hier oben gesehen: Wo steht der Korb mit den Äpfeln Ihrer Meinung nach jetzt?“ Der Beschenkte drehte sich um, damit er von oben nach unten blicken konnte, und antwortete: „Jetzt steht der Korb rechts.“
„Sehen Sie“, sagte er Bio-Bauer, „es ist die Perspektive, auf die es ankommt: Was von unten gesehen links ist, steht von oben gesehen rechts. Als wir nach oben gegangen sind, mussten wir uns umdrehen, um nach unten sehen zu können. Wir mussten also die Perspektive ändern. Das gleiche geschieht mit Governatoren und Advertorial-Medien. Was sie aus der Perspektive der Unteren wahrnehmen, sehen sie als links, aber wenn sie nach oben gelangen und sich gedreht haben, sehen sie das gleiche Bild, das von unten links war, jetzt auf der rechten Seite. Links und rechts sind also keine Kategorien: Es gibt keinen Krieg zwischen links und rechts, der wahre Konflikt besteht zwischen oben und unten. Und zwar zwischen jenen Konzernen und Milliardären, die ganz oben auf der Stufe stehen, das sind weniger als 0,01 Prozent, und dem Rest, also uns.“
Der Bio-Bauer aus Conspira betrieb diese konspirative Erhellungsprozedur mit den Besuchern des Regierungsgebäudes ziemlich lange. Als der Apfelkorb fast leer war, erschien ein Wachoffizier und verhaftete den Bio-Bauern. Aber es hatten sich bereits einige Bewohner des Planeten am Ort des Geschehens angesammelt, und ein paar hatten das Schauspiel mit ihren Connectorgeräten aufgenommen und stellten das Video ins Internet. Die Advertorial-Medien bezeichneten den Bio-Bauern als Linkidioten, Apfelkorbträger und Extremisten. Trotz der heftigen Diffamierung durch die Advertorial-Medien verbreitete sich die Demonstration des Biobauern mithilfe von alternativen Anti-Ad-Medien. Und bald stellten immer mehr Bewohner des Planeten fest, dass ihre gewählten Governatoren und die angeblich unabhängigen Advertorial-Medien die Treppe hochgegangen waren.
Die Entwicklung von Impfungen gegen die Linkshänder-Krankheit
Was jedoch nichts an der düsteren Situation änderte. Nach einem langen, kalten, ereignisreichen Winter mit mehreren Stromausfällen, heftigen Preissteigerungen, gefolgt von Hyperinflation und sozialen Unruhen, entwickelte ein Pharmaunternehmen aus dem fernöstlichem Bat-City einen Impfstoff gegen die Linkshänder-Krankheit, der nach nur einjähriger Testung als Notfallzulassung auf den Markt gebracht wurde. Die Anti-Linkshänder-Vakzine wurde der Bevölkerung von Indebitamento als Zwangsimpfung verabreicht. Jeder musste sich mit dem Serum impfen lassen. Bald war fast die ganze Bevölkerung, mit Ausnahme der Kleinkinder, geimpft und man begann, auch Tiere damit zu impfen.
Der Ausbruch der Lachkrankheit
Mit der Impfung der Bevölkerung stiegen zwar die Gewinne der Pharmafirmen in exponentieller Kurve, aber die Linkshänder-Krankheit blieb trotz der neuen Seren, die immer wieder an der Bevölkerung getestet wurden, unverändert. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Virtualisten und Governatoren schützte die Impfung nicht vor der Ansteckung mit der Linkshänder-Krankheit.
Aber dann passierte etwas, was sich niemand hätte vorstellen können: Nach einigen Monaten bekamen alle Impflinge spontane, situative Lachanfälle, die von einem bestimmten Stimulus ausgelöst wurden. Forscher am Institut für Lachforschung an der Toms & Jerry-Hubkings Universität in Montana fanden heraus, dass dieser Stimulus, also der Auslöser der Lachanfälle, die Ansprachen und Erklärungen von sogenannten Pretendern waren. Als Pretender definierten die Wissenschaftler jene Personen, die Behauptungen aufstellten und diese nach einiger Zeit ins genaue Gegenteil verkehrten, die Luftblasenreden ohne konkrete Inhalte darboten oder spin-doctorierte Reden von Telepromptern ablasen. Die Ursache der Lachkrankheit wurde nie eindeutig identifiziert. Das Institut für Komplexitätsforschung fasste es in einem Satz zusammen: „Es ist alles sehr kompliziert!“ Als diese bahnbrechende Erkenntnis über die Advertorial-Medien publiziert wurde, mussten hunderttausende Bewohner des Planeten laut und unkontrolliert lachen. Jemand hatte die Idee, jeden Abend zum Sendetermin der Abendnachrichten die Fenster der Wohnungen zu öffnen, und bald hörte man jeden Abend bei der Verkündigung der Nachrichten das schallende Gelächter von abertausenden Bewohnern in den Städten und Dörfern.
Die Folgen der Lachkrankheit für die Pretender, also speziell für Politiker, gekaufte Experten und Moderatoren der Advertorial-Medien, waren gravierend. Bald konnten keine geheuchelten oder inhaltsleeren Ansprachen mehr gehalten werden, weil die Geimpften und die Impffreien gemeinsam nach der Darbietung geheuchelter Reden zwangsläufig in wilde, unkontrollierbare Lachkrämpfe ausbrachen.
Bald lachten das ganze Land, die ganze Provinz und schließlich der komplette Planet Indebitamento über Reden von jenen Politikern, in denen unwahre Behauptungen, falsche Versprechungen und sinnentleerte Luftblasen dargeboten und inszeniert wurden.
Die Politik reagierte zunächst mit immer höheren Ausgaben für Eigenwerbung. Die Kosten für Advertorials, die aus den Steuergeldern der Untertanen finanziert wurden, um deren Wahrnehmung zu manipulieren, stiegen ins Unermessliche. Aber trotz der mit immer mehr Steuergeldern gesponserten Advertorial-Medien war es nicht möglich, die Lachkrankheit zu stoppen. Mehr und mehr Untertanen sahen sich gezwungen, bei den Nachrichten der Advertorial-Medien und den Ansprachen der Politiker ihre Glotzophone-Geräte und ihre Starephones abzuschalten, um das Symptom der Lachkrankheit zu unterdrücken: heftiges Lachen, das durch die Reden von Politikern und Moderatoren beim Ablesen von Agenturmeldungen und Presseerklärungen unvermeidbar ausgelöst wurde.
Als mehr und mehr Untertanen auf Indebitamento ihre Starephones und Glotzovision-Geräte abschalten mussten, um das heftige, unkontrollierte Lachen bei geheuchelten Politikerreden und medialen Fake News nicht ausbrechen zu lassen, sank auch die Anzahl der Bewohner von Indebitamento, die auf der Straße auf ihre Starephones starrten. Die Bewohner hoben Ihre Köpfe und gingen nicht mehr gebückt, sie gingen aufrecht. Dadurch konnten sie einander wieder wahrnehmen, blickten einander wieder in die Augen und lächelten sich zu und grüßten sich, zeigten Respekt. Sie waren keine Untertanen mehr. Durch das Lachen waren sie zu freien, selbstbestimmten Bürgern geworden.
In dem Maß, wie sich die Lachkrankheit nach und nach auf die ganze Bevölkerung ausbreitete, sank die Angst vor der Linkshänder-Krankheit, die sich als eine von vielen Krankheiten entpuppte und die für 0,2 Prozent (also 2 Tausendstel) aller Infizierten tödlich gewesen war. Und als schließlich die Angstpropaganda der Pharmakonzerne, Governatoren und Advertorial-Medien ausblieb, hatten die Bewohner Indebitamentos überhaupt keine Angst mehr vor der Linkshänder-Krankheit. Stattdessen gaben sie sich zur Begrüßung wieder die Hand, und Freunde umarmten sich wieder, anstatt sich mit der Power-Faust zu kicken.
Das heftige Auslachen der Kaste der Governatoren führte dazu, dass diese gezwungen waren, mehr und mehr zu verstummen. Denn die Lachkrankheit blieb an den Stimulus geheuchelter Politikerreden gebunden. Niemand konnte jemals wieder substanzlose Luftblasen, Lügen, Heucheleien, infantile Nudging-Schmähs oder Spaltungsversuche ertragen, ohne sofort von heftigen Lachkrämpfen geschüttelt zu werden.
Die Virtualisten wollten zunächst die Schaffung von Geld aus dem Nichts unbeirrt weiterführen. Aber alle lachten auch darüber, niemand wollte dieses Nichtsgeld. Es wurde durch die Hyperinflation wertlos gemacht. Niemand zahlte die Schulden, welche die Governatoren bei den Virtualisten aufgenommen hatten. Die Virtualisten verloren ihr gesamtes Vermögen und ihre einzige Einkommensquelle, nämlich das Monopol, Geld aus dem Nichts zu schaffen. Weil jedem unter schallendem Gelächter klar geworden war, dass dieses Fiat Money wertlos war.
Die Lachkrankheit befreite die Untertanen von der Herrschaft der Virtualisten. So verschwand auch der Druck, sein ganzes Leben im Kampf um seine wirtschaftliche Existenz zu verschwenden. Die Bewohner von Indebitamento entwickelten ein neues, vertieftes Bewusstsein für ihr Dasein. Sie hörten auf, sich gegeneinander aufhetzen zu lassen, sie spielten keine Nullsummenspiele mehr, sie praktizierten ein Leben in konstruktiver Kooperation. Sie entwickelten innovative Produkte, die nicht nur den selbsternannten Masters of the Universe, sondern allen Bewohnern des Planeten nutzten. Sie begannen, Produkte und Dienstleistungen regional zu tauschen. Sie lebten miteinander statt gegeneinander. Sie lebten im Frieden, und sie ließen sich nie mehr spalten. Jeder Versuch von Advertorial-Medien, Governatoren oder Virtualisten, das zu probieren, ging fortan sofort in schallendem Gelächter unter. Ein neues Zeitalter der Freiheit, Selbstbestimmtheit und ein neues Bewusstsein für Zusammenarbeit waren angebrochen auf dem Planeten Indebitamento.
Ein Planet, auf dem viel gelacht wurde.
Aufzeichnung der Veranstaltung im Aktionsradius Wien: Die Philantropen. Romansatire & Gespräch Walter Schönthaler, Lesung Eva Maria Neubauer